Kapitel XXIX. – Buchstaben Sperrgebiet.

 

 

Buchstaben Sperrgebiet.

Seid ihr darauf gefasst, aus meinem Spiegel zu blicken, seid ihr euch denn auch wirklich sicher, dass ihr aus meinem leeren Spiegel blicken wollt? Seid ihr euch dessen bewusst, was es heisst, nur noch ein leerer Spiegel im Nichts zu sein? Dann kommt jetzt, kommt in meine Welt, meine verdrehte und verkehrte, meine Spiegelwelt.

Und so sprach mein Spiegel.

Nimm meine Hand und ich ziehe dich ganz langsam hinein, in meinen Verstand, meinen finsteren, schwarzen, spiegelverkehrten Verstand. Aber gib acht, dass ich nicht dich hineinziehe, in meinen leeren Spiegel aus Worten. Meinen schwarzen Spiegel aus niemals Nirgendwann. Denn es gibt keinen Ausweg, keinen Ausgang aus meinem Spiegel, ein Labyrinth ist mein Spiegel, ein Gefängnis, aber jetzt ist es zu spät.

Du erkennst mich nicht.

Du blickst jetzt aus meinem Spiegel aus Buchstaben und erkennst mich nicht mehr darin. Denn du hast vergessen, komplett vergessen, alles vergessen, woher du kommst, wer du einmal warst, und wer du nie wieder sein wirst.

Du wirst mein Spiegel sein.

Du wirst mein Spiegel sein und Niemand wird sich mehr in dir erkennen, Niemand wird dir noch glauben, keiner wird mehr an dich glauben. Du wirst mein Spiegel sein und man wird dich nicht mehr beachten, Niemand wird sich mehr an dich erinnern, Niemand mit dir sprechen, keiner wird dich mehr verstehen, denn deine Worte, gehören nicht mehr in diese Welt.

Du wirst mein toter Spiegel sein.

Du wirst mein toter Spiegel sein und alle werden sich in dir sehen, aber Niemand wird sich mehr in dir erkennen. Niemand ausser mir, dem Nichts, dem Tod.

Dein Horizont ist der Tod.

Ja, es kostet dich Überwindung, einzutauchen in meine Buchstabenwelt, die dir die Geschichte meiner Spiegel erzählt, wie sie da träumen, sich vorstellen, sich einbilden, sich selbst.

Noch fürchtest du dich.

Noch fürchtest du dich, vor meinem Spiegel, denn er kennt ein Geheimnis, das du nicht kennst. Er kennt das Reich der Toten, er kennt die Schatten deiner Fantasie, er kennt die Geister des Nichts, die da lebten und leben und werden, ja er kennt sogar, das Geheimnis des Nichts, dieses Nirgendwann, aus seinem Traum erwacht.

Erwacht aus meinem Traum.

Noch fürchtest du dich, vor meinem Spiegel, dem unsichtbaren, denn er weiss alles über dich und du weisst nichts über ihn. Du weisst nichts, über meinen Spiegel, den ewigen, nichts, über das Nichts, das unvorstellbare, weisst nichts, über dich selbst, das unbekannte, und weisst nichts, über den Tod, den endgültigen. Und es kümmert dich auch nicht, denn es kümmert sich Niemand um dich, keiner hier schert sich um Nirgendwas, Niemand, kümmert sich um deinen Spiegel … Niemand, kümmert sich um das Nichts und Niemand, kümmert sich um dich. Dich, den Tod.

Was kümmert mich dein Tod!

Es ist mir egal, ob mein Verstand, eines Tages so beschränkt arbeitet wie deine Fantasie. Wenn du jetzt weiter liest, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Du wirst dich in einen Spiegel verwandeln, der nichts mehr über dich weiss, nicht einmal mehr weiss, was es heisst, tot zu sein.

Dein Horizont ist der Tod.

Mein lieber Freund des Nein, des Nein, des Nein und des Neins. Du hast dich entschieden, eine Schwelle zu überschreiten und eine Welt zu betreten, die deine Erwartungen und deine Vorstellungen, von dem was ist und dem was noch sein könnte, vom einen auf den anderen Moment, vollkommen zerschmettert, vernichtet und zerstört. Du hast soeben einen Spiegel geöffnet, der gar nichts über dich weiss.

Die Grenzen meiner Fantasie.

Du hast dich entschieden, einzutreten in eine Welt, aus der es kein Entkommen und kein Entrinnen mehr gibt. Für Niemanden. Niemand, hat dich hierher eingeladen. Niemand, hat dich gebeten, hier zu erscheinen, du bist von selbst gekommen. Du sollst jetzt erfahren, dass diese Spiegelschriften, reiner Selbstbetrug sind. Sie enthalten nichts, keine Weisheit, keine Wahrheit, kein Wissen, kein Geheimnis, rein gar nichts. Ich kann dir noch nicht einmal darüber berichten, wie ich zu dieser Einsicht kam. Alles, was du in diesen Spiegelschriften vorfindest, ist deshalb nichts weiter als Erfindung, reine Einbildung, Fantasie, pure Fantasie. Die Fantasie und die Einbildung derer, die mehr erwarten, sich mehr wünschten und sich mehr erhofften, als nur ein einziges mal zu leben und danach nie wieder zu sterben. Denn wir alle sind eigenständige, unabhängige, freie Individuen, mit eigener Wahrnehmung, eigenen Vorstellungen, Wünschen und Gedanken, eigener Fantasie. Es gibt nichts das uns verbindet. Gar nichts. Wir sind deshalb alle frei. Frei an das zu glauben woran wir glauben wollen.

Die wahre Fantasie.

Meine Wahrheit, war das Produkt reiner Fantasie, ausgedacht, erfunden und erlogen, von jemandem, den es längst nicht mehr gab. Der jetzt, im Exil war. Aber noch, liess mich sein toter Geist nicht in Frieden ruhen. Er redete und redete so lange auf mich ein, bis ich schliesslich mit meinem Spiegel zu sprechen begann, bis er schliesslich ein fremdes, unbekanntes Feuer in mir entfachte. Nun, war ich ein Spiegel, ein leuchtend, heller Stern und tief in mir, tief in meinem Innern brannte, die schwarze Flamme des Nichts.

Erfunden und erlogen.

Du ahnst, seit dem du diese Spiegelgeschichte in den Händen hältst, dass sie dich anlügt, dir von einer Lüge erzählt, ja dass du eine erfundene und erlogene Geschichte, über deine Herkunft, über deine Identität, über dein Schicksal und über deine Bestimmung, zu hören bekommst.

Die Wahrheit einer Lüge.

Denn als ich damals, auf die geheimen Spiegelschriften stiess, gab es hier noch nichts, nichts als Leere, leere Zeilen, durchsichtige Buchstaben und unsichtbare Worte. Dieser Spiegel, dieses Buch, diese Wahrheit, war noch nicht beschrieben. Denn Niemand, hatte sich je die Mühe gemacht, sich in meinen leeren Spiegel hinein zu versetzen, und mir zu erzählen, von einer Wahrheit, an die Niemand mehr glaubte, einer Wahrheit, die überhaupt Niemand kannte. Also, habe ich mich entschieden, meine eigene Wahrheit zu erfinden. Es sind dies, die Schriften, die du jetzt vor dir siehst.

Im Spiegel der Dinge.

So verknüpfte ich das Ende meiner Geschichte mit ihrem Anfang, ich las dabei im Kreis, unendlich viele male, las ich diese Geschichte nun schon, wieder und immer wieder, fügte hier und dort einen Buchstaben hinzu. Manchmal vertauschte ich ganze Abschnitte, und merkte dabei gar nicht, wie mich diese Geschichte, immer tiefer und immer tiefer, in sich hinein sog. Bis ich mich am Ende vollkommen darin verlor. Ich hatte jetzt vergessen, komplett vergessen wer ich einmal war, wo der Anfang und wo der Ausgang war. Gab es überhaupt einen Ausgang? Aus diesem verrückten Karussell?

Der Ausgang.

 

 

 

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